Neue Heimat

Neue Heimat

Kayleigh. Marrillon – hier gedreht – Film dazu hier gedreht

Jedem Anfang wohnt ein Abschied inne. In unserem Fall sogar zwei. Von einer Straße. Von einer Freundschaft. Deren Ende führte zum Ortswechsel. Ich will mich hier auf den geografischen Aspekt beschränken.

Noch nie – außer beim Wechsel von Köln nach Berlin – ist mir ein Umzug so schwer gefallen. Denn noch nie hatte ich mich in einer Gegend so schnell so wohl gefühlt wie in der Crellestraße. Diese Straße ist ein Idyll. Genauer gesagt: Jener kurze Abschnitt zwischen dem Kaiser-Wilhelm-Platz und der Einmündung der Helm-Straße, in dem wir gewohnt haben. Ein Hauch von Dorf mitten in der Stadt – mit Kneipen, Schatten spendenden Bäumen und einer erstaunlichen Ruhe.

Seit Beginn der 1960er Jahre lockt hier der „Leuchtturm“ Freunde des Bieres bis weit nach Mitternacht an. Drinnen wie Draußen. Aber anders als in den bekannten Party-Vierteln der Stadt nehmen die Gäste Rücksicht auf die Nachbarschaft Rücksicht. Neulinge werden vom diensthabenden Personal notfalls mit einem kleinen Vortrag in die Turm-Ordnung eingewiesen. Als Wein trinkender Nachbar hab ich erst nach Wochen mitbekommen, dass links unten neben unserem kleinen Balkon bis in den frühen morgen „outdoor“ gezecht wird.

Weil meine Frau zur Umzugszeit keinen Urlaub hatte, hab ich die Wohnung allein eingeräumt. Das führte zur „Adoption“ in jenem Cafe, das uns für die Zeit in dieser Straße zum zweiten Wohnzimmer wurde. Fast täglich hab ich im „Lili Marlen“ gefrühstückt. Und Zeitung gelesen. Von hier aus haben wir unser Dorf erschlossen.

Und nun? Nehmen wir unsere Mahlzeiten auf dem Balkon ein. Wann immer es möglich ist. Aber davon später.

Nach fast 20 Jahren Berlin und sechs innerstädtischen Umzügen hat es mich zum ersten Mal in den Osten verschlagen. In einen Neubau. Auch dies eine Premiere. Ein Sonderangebot sind die Mieten auch in unserem Haus nicht. Für 75 Quadratmeter zahlen wir etwa so viel wie vorher für knapp 120. Aber in diesen Zeiten in einem genossenschaftlichen Bau zu wohnen, gibt ein angenehmes Gefühl der Sicherheit. Zeitgeschichtlich beschlagenen Ortskennern dürfte der Name „Heinrich-Heine-Straße“ geläufig sein. Die liegt in „Mitte“. Einen Steinwurf weit Richtung Westen kündet ein kleines grünes Schild vom Beginn des Stadtteils Kreuzberg.

Früher war ich fast jede Woche jenseits dieser Wegmarke. Zum Tangotanzen. Die Milonga, wie die Tanzveranstaltungen beim Tango heißen, liegt eine viertel Stunde zu Fuß entfernt von meinem neuen Zuhause. Aber die Schule mit dem werbeträchtigen Titel „Tangotanzen macht schön“ (eine der drei großen in Berlin) hat ihre wöchentliche Tanzparty am Freitag Abend lange vor der Corona-Krise abgeschafft.

Unterricht ist lukrativer – wenn er denn stattfinden kann. Mir steht danach eher selten der Sinn. Heute lockt mich ein anderes Bedürfnis in die Gegend. Schräg gegenüber der Tanzschule liegt „Lebensmittel Hillmann“, ein wunderbar altmodisches Feinkostgeschäft mit toller Auswahl und erschwinglichen Preisen.

Meine heutige U-Bahn-Station war zu Zeiten der deutschen Teilung ein „Geisterbahnhof“. Die „westliche“ Linie durfte den östlichen Teil der Stadt zwar unterqueren, aber keine Ein- oder Ausstiege ermöglichen – es sei denn für Vertreter der staatlichen „Organe“. Überirdisch beherbergte die Heinrich-Heine-Straße einen der größten Übergänge zwischen dem „sozialistischen“ und dem „kapitalistischen“ Teil der Stadt. Hier wurde fast der komplette Post- und Warenverkehr abgewickelt.

Heute gibt es in der Gegend ein Autogeschäft und „Lidl“. Und am Rande Rauschgift. Geschlechtsverkehr in gegenseitigem Einvernehmen ist gratis zu haben. Nach Entrichtung des Eintrittsgeldes. Denn am Wochenende mutiert der „Sage-Klub“ an der Ecke zur Köpenicker Straße zum Sex-Etablissement. Von dem einen Eingang des U-Bahnhofs führt eine breitschulterig bewachte Tür in den „Kitkat-Club“.

Nach etlichen Ortswechseln ist Berlins traditionsreichste Institution der einschlägigen Szene hier gelandet. Bis auf weiteres herrscht allerdings Corona-bedingte Enthaltsamkeit. Nur ab und an versuchen einsame DJs das Bedürfnis der alten Kundschaft zumindest nach Techno-Lärm per Live-Stream zu befriedigen. Neuerdings zappeln ihnen zur Seite leicht bekleidet einige junge Frauen, die in meiner Jugend Go-go-Girls genannt wurden. Dennoch eine traurige Veranstaltung selbst für Betrachter, die daheim eine überdimensionierte Hifi-Anlage ihr eigen nennen.

Meine ersten Kontakte im neuen Kiez waren eher leiser und konventioneller Natur. Als ich am Umzugstag auf den Möbelwagen wartete, gesellten sich zwei „Eingeborene“ zu mir. „Da war früher der Intershop“, sagte ein grauhaariger Mann und zeigte auf die freie Fläche neben dem Haus, in das einzuziehen ich mich anschickte. „Und gleich da die Wechselstube“, ergänzte eine Frau, die offenbar ebenfalls schon hier wohnte, als die benachbarten Plattenbauten vom Typ Q3A eine heiß begehrte Alternative zu den bröckeligen Altbauten des Ostens waren.

Meine Frau und ich werden immer wieder erstaunt bis mitleidig angeschaut, wenn wir unseren (westlichen) Freunden und Bekannten von unserem Umzug aus dem abgeschabten, aber stuckverzierten Kuschelkiez in die Gegend der „Platten“ berichten. Die Klötze sind mit verschiedenen dezenten Farben, Renovierung und allerlei Vorbauten erheblich aufgehübscht worden. Das biele Grün dazwischen gab es schon früher – nur dass die sozialistisch gestutzten Rasenflächen inzwischen zeitgemäß in Bienen-und Schmetterlingsfreundliche Wiesen umgestaltet sind.

Von uns initiierte Ortsbesichtigungen bei Kaffee, Kuchen und anderen selbst bereiteten Spezereien entlocken den Besucherinnen und Besuchern Bemerkungen nach dem Muster, dass es bei uns ja „auch ganz schön“ sei. Immerhin. Aber so recht überzeugt klingt das meistens nicht. Auch Architektur-ästhetisch funktioniert die deutsche Einheit längst noch nicht. Im alten Westen gefällt epigonale Schinkelei immer noch immer besser als die Nachfahren der Bauhäusler in jenem „drüben“, das nun unser hüben darstellt. Aber ich gebe zu: Auch ich musste mich erst daran gewöhnen.

Doch siehe da: Wieder einmal leben wir uns erstaunlich schnell ein, obwohl das mit der Stammkneipe so eine Sache ist. Nicht nur wegen Corona. Es gibt hier schlicht nicht so viele Lokale. Doch es wird langsam. Die beiden heißesten Kandidaten liegen gleich links um die Ecke in der Annen-Straße und befinden sich in türkischer Hand. Ein gutes Grill-Restaurant und ein Cafe. Kreuzberg lässt grüßen.

Das „Agora“ und das „Bazul“ teilen sich einen halbwegs lauschigen Garten. Die Live-Musik, für die im Restaurant bereits eine Bühne mit Verstärker-Anlage installiert ist, hat Corona bis auf weiteres verhindert.

Aber Lesungen im Cafe finden statt. Worum es geht? Leider können wir kein Türkisch. Doch ein prominent platziertes Portrait von Che Guevara legt die Vermutung nahe, dass die Zielgruppe eher nicht islamistisch eingestellt ist. „Bazul“ heißt übrigens „Koffer, was wir als Anspielung auf den Emigrantenstatus der Betreiber interpretieren. Demnächst will ich mal fragen, ob die Betreiber Marlene Dietrichs Lied vom Koffer kennen.

Marlene Dietrich: Ich hab noch einen Koffer…

Doch es gibt Alternativen zur Kneipe als Kommunikationsbasis: Die Runde, in der wir Boule spielen, zum Beispiel. Sie findet auf jener heute grün gesäumten Schneise statt, die einst die Mauer durch die Stadt geschlagen hat. Bei unserer französisch inspirierten Kugelei sind wir „Wessis“ übrigens in der Minderheit. Zum ersten Mal in meinem Leben gehöre ich einem Sportverein an. Denn die Runde gehört zum „SV Senat“. Doch außer bei unserem Vorsitzenden, der wie meine Frau beim Land Berlin angestellt ist, hält sich der Leistungsdrang zum Glück in Grenzen. Ansonsten ist die Sportgruppe in zwei Fraktionen geteilt: Die einen trinken Bier, die anderen Wein.

Und dann haben wir unseren kleinen Garten. Kein Schreber-Stück, zu dem wir durch die halbe Stadt fahren müssten. Auch auf eine „Laube“ können wir verzichten. Denn unsere 80 Quadratmeter City-Grün liegen gleich neben der Haustür: Auf der einen Seite der Vorgarten, auf der anderen der Anschluss für die Bewässerung. Die Genossenschaft, die unser Haus gebaut hat und verwaltet, vergibt „Patenschaften“ für die Grundstücke vor den Häusern. Unseres liegt bis mittags in der Sonne. Nachmittags bescheint sie hinten raus unseren geräumigen Balkon, wo wir das Gezwitscher von Kindern und Vögeln genießen. Vorn sind Gespräche angesagt.

Denn wer unser Stück der Genossenschaftssiedlung betreten will, muss an uns vorbei. Ein Spaten, ein Gartenschlauch oder eine Pflanze in der Hand sind ein erstaunlich guter Anknüpfungspunkt für Zwischenmenschliches. Gespräche am nicht vorhandenen Gartenzaun. Außer guten Worten haben wir von freundlichen Hausbewohnern schon Pflanzen geschenkt bekommen. Leider gibt es auch Menschen, die in unserer Abwesenheit Zigarettenkippen ins Grün werfen. Die haben sicher noch nicht gesehen, wie zielsicher ich inzwischen mit dem Wasserschlauch umzugehen weiß…

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