Äugeleien in der U-Bahn…

Ich habe beschlossen, wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Über Tango? Auch. Vor allem aber soll es darum gehen, was mir beim Flanieren auffällt und mich zum Nachdenken anregt. Meinem fortgeschrittenen Alter entsprechend werden dabei nicht zuletzt Erinnerungen zur Sprache kommen – in kürzeren oder längeren Texten. Wie’s gerade passt. Der Auftakt dreht sich allerdings doch wieder um den Tango. Und um die Krankheit, die meinen Tanz und mein Leben verändert hat.

Äugeleien in der U-Bahn und auf dem Parkett…

Als Tangotänzer hab’ ich einige Übung in nonverbaler Kommunikation. Traditionell identifizieren wir Tanzpartnerinnen und Tanzpartner, indem wir unseren Blick durch eine „Milonga“ schweifen lassen, wie wir unsere Tanzveranstaltungen nennen. „Mirada“ heißt der Fachausdruck. Haben wir jemanden auserwählt, nicken wir ihr (oder ihm) zu. Das ist der „Cabeceo“. Dass ich diese Art von Äugelei einmal im richtigen Leben würde nutzen können, hätte ich lange nicht gedacht.

Aber wenn ich heutzutage in einer vollen U-Bahn keinen Sitzplatz mehr ergattern kann, äußere ich meinen einschlägigen Wunsch auf die tangoerprobte Weise. Ich bin zwar erst 72 Jahre alt. Aber meine Standfestigkeit war, vorsichtig formuliert, schon einmal besser – zumal in ruckeligen Verkehrsmitteln. Der Grund: Ich habe den Morbus Parkinson.

Die meisten Menschen, die damit nichts zu tun haben, stellen sich darunter ein starkes unwillkürliches Zittern vor. Doch es verhält sich so ähnlich wie mit dem Wasser im Grog: Kann, aber muss nicht. Auch das Gegenteil ist möglich. Eine starke Verlangsamung der Bewegungsabläufe. Auf jeden Fall sind sie gestört, weil Nervenzellen abgestorben sind, die den Botenstoff Dopamin produzieren.

Parkinson ist – allgemein gesagt – eine neurogenereative Erkrankung. Es zeitigt einen ganzen Strauß unterschiedlicher Symptome. In der Verordnung für meine Physiotherapie hat die Neurologin meines Vertrauens die meinen kurz zusammengefasst: „Schädigung/Störung der Bewegungsfunktion; Gangstörung, kleinschrittiges Gangbild, teils mit Fallneigung“.

Wer mehr über diese Krankheit wissen will: Es gibt im Netz eine Reihe von Adressen, unter denen man nachschlagen kann. Seit ich dieser Versuchung gelegentlich nicht zu widerstehen vermag, kann ich aber auch verstehen, warum Ärzte mehr oder weniger sichtbar mit den Augen rollen, wenn ihre Patienten von einschlägigen Lesefrüchten berichten. Denn da ist fast alles zu finden… und das Gegenteil. Wenn ich bei Sinnen bin, halte ich mich daher fern von derlei Zeitvertreib und an den Sachverstand meiner Medizinerin.

Die „Fallneigung“ hab ich schon früh ausprobiert. Wie aus der hektischen Zeit meiner Berufstätigkeit als Journalist gewohnt, bin ich eines Abends nach dem Einkaufen mit scharfem Schnitt in die Kurve zu unserem Haus eingebogen – und prompt lang hingeschlagen. Die Krankheit beeinträchtigt nämlich auch den Meidreflex, die Arme schützend nach vorn zu strecken. Hinter mir kam zufällig ein junger Mann, der mir mit den Worten aufhalf: „Ich kenn’ das. Mein Vater hat auch Parkinson.“ Da hatte ich zum ersten Mal meine Diagnose. Ohne ärztliche Expertise. Praktisch. Lebensweltlich.

Bis die Chose allerdings medizinisch klar war, sollte es noch eine Weile und etliche Untersuchungen dauern, einschließlich eines Besuchs in der nuklearmedizinischen Abteilung der Berliner Charitee. Denn es gibt eine Reihe von Krankheiten mit ähnlichen Symptomen. Linda Ronstadt zum Beispiel, eine meiner Lieblingssängerinnen, beendet ihre Karriere wegen einer Parkinson-Diagnose. Doch irgendwann stellte sich heraus, dass es sich um eine Konkurrenz-Krankheit mit einem komplizierten Namen handelte, den ich mir nicht gemerkt habe.

Aber es gibt eine Reihe von Prominenten mit gesicherten Diagnosen. Der bekannteste hierzulande dürfte der Quizmaster Frank Elster sein. Der Erfinder von „Wetten das…“ Gelegentlich berichtet er darüber in Talkshows. Er kann sich ein Team vn Betreuern leisten, mit dem er um die Welt reist. Der Chef des Berliner Recycling-Unternehmens ALBA, Eric Schweitzer, trat vor einiger Zeit von der Spitze des Unternehmens ab, bleibt aber aktiv. Er habe „ein paar Monate gebraucht“, ehe er seine Erkrankung begriffen habe, sagte er anschießend – und vor allem: bis sie akzeptiert habe. Er müsse nun weniger Stress haben und auf sich achten. So viel Stress wie ein vielbeschäftigter Unternehmer hab ich sicher nicht. Aber auf mich achten muss ich schon.

Denn es ist für mich keineswegs immer einfach, nicht mit dem Schicksal zu hadern. Die Krankheit ist nämlich unheilbar. Die gute Nachricht: Anders als Multiple Sklerose entwickelt sie sich nicht in Schüben zum Schlechteren. Jedenfalls nicht notwendigerweise. Um noch einmal meine Neurologin zu zitieren: „Damit können Sie 90 werden.“ Das hat in meiner Familie noch niemand geschafft. Auch ohne Parkinson.

Er rechne mit einer Verstärung seiner Symptome, hat Eric Schweitzer zu Protokoll gegeben. Das musss ich auch. Etwa zweieinhalb Jahre nach meiner Diagnose befinde ich mich noch mitten im „Honeymoon“, wie ich dieser Tage bei meinem ersten Besuch einer Selbsthilfegruppe für Parkinson-Patienten und ihre Angehörigen erfahren habe.Diese Flitterwochen dauern aller Erfahrung nach etwa fünf Jahre. Danach wird es richtig spannend.

Nun also zum Tango. Früher habe ich getanzt, weil es mir Spaß macht. Daran hat sich nichts geändert. Aber inzwischen tanze ich auch, weil es meiner Gesundheit gut tut. Um beweglich zu bleiben, mache ich Gymnastik. Dazu ein wenig Kraftsport mit Geräten. Aber wie sagte der ehemalige Boxer Henry Maske neulich in einer Talkshow: Training macht keinen Spaß. Was für ein Glück, dass ich den Tango habe. Andere Kranke beneiden mich darum.

Aber mit meinen Fähigkeiten haben sich auch meine Vorlieben geändert. Früher war die Milonga mein Lieblingstanz – wahrscheinlich auch deshalb, weil sie in mir Erinnerungen an den Quickstepp des Ballroom-Dancing weckte. Heute tanze ich am liebsten Vals. Weil der Dreier-Takt übersichtlicher ist und ich mich in die Musik, wie sag’ ich’s am besten: hinein schmiegen kann. Ich bevorzuge Stücke mittleren Tempos. Näher am Langsamen als am Wiener Walzer. Im Tango sind sie zuverlässig im Repertoire von Francisco Canaro zu finden.

Zu den Vorzügen des Tango gehört, dass die Tanzenden im Rahmen des Metrums ihr Tempo selbst bestimmen können: Also wird im Vals nur auf die „Eins“ ein Schritte gemacht. Oder in den Stücken mit gerader Schlagzahl nur auf jeden zweiten Taktschlag. Wer im Vollbesitz seiner Kräfte ist, vermag dann sogar innerhalb eines Stückes das Tempozu variieren. Früher bin ich gern schneller geworden – etwa in der Milonga. Dass ich das heute nicht mehr schaffe, lässt mich gelegentlich mit meinem Schicksal hadern. Dann muss ich mich innerlich zur Ordnung rufen. Denn es bringt nichts – außer schlechter Stimmung.

Ich habe schon in gesunden Tagen nicht zu den Tänzern gehört, die erst um Mitternacht so richtig loslegen. Unter Tangofreaks gilt die Nachtaktivität als Ausweis von „Argentinidad“. Denn in Buenos Aires beginnen die Milongas selten vor 23 Uhr. Live-Musik fängt meistens erst eine Stunde später an. Auch hierzulande klappt kaum ein Tango-DJ sein Notebook vor 21 Uhr auf. Frühestens. Tanguras und Tangueros, die sich zur Elite der Zunft zählen, komen zwei Stunden später. Da bin ich längst platt.

Zu Beginn meiner Krankheit hab ich versucht, mich unter die frühen Vögel zu mischen. Aber viel mehr als eine Stunde hab’ ich nicht geschafft, ohne dass die Mühe das Vergnügen überwogen hätte. Das lohnt den Eintritt nicht, zumal er nach der Pandemie allerorten teurer geworden ist. Bleiben die Nachmittagsveranstaltungen. Die mag die gesunde Frau an meiner Seite ohnehin lieber.

Aber auch das hat die Krankeit verändert: Früher bin ich oft allein tanzen gewesen. Wenn es mein Beruf erlaubt hat, bis zu drei oder vier Mal in der Woche. Heute hab ich die Liebste lieber dabei. Das heißt nicht, dass ich die ganze Zeit mit ihr tanze. Aber mit ihr als „back up“ fühle ich mich sicherer. Der Kick, den mir einst das Tanzen mit fremden Frauen gegeben hat, ist der Unsicherheit gewichen, ob ich mit meinen mählich schwindenden Kräften ihren Ansprüchen noch zu genügen vermag.

In den Milongas, die ich normalerweise besuche, wissen inzwischen die meisten meiner Tanzpartnerinnen um meine Krankheit. Tanzen sie nun aus Mitleid mit mir – oder weil es ihnen Spaß macht, Parkinson hin oder her? Ich weiß es nicht. Doch ich mag mir mit Grübelei darüber nicht die Laune verderben. Lieber genieße ich es, wenn eine Frau zu mir an den Platz kommt und mich mit den Worten auffordert: „Es ist so schön, mit Dir die langsamen Stücke zu tanzen.“

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