Zwei Bilder, die uns schon lange begleiten. Zur Zeit zieren sie das Zentrum unseres kleinen Flurs. Beides sind Originale, Beide von derselben Künstlerin. Wir haben sie beim Tango kennengelernt. Das eine Bild haben wir gekauft. Das zweite hat uns Christine Bülow zur Hochzeit geschenkt vor bald 15 Jahren. Ich hab‘ ihre Widmung auf der schützenden Glasscheibe gelassen.
Mehrfach habe ich die Tango-Bilder eines anderen Künstlers gewürdigt. Jürgen Kühne. Auch er: Ein Tänzer. Ich hoffe, er sieht es mir nach, wenn ich sage: Die beiden hier sind mir die liebsten.
In ihren Bildern reduziert Christine den Tango auf die Bewegung. Beinahe hätte ich geschrieben: Auf das Wesentliche. Aber dagegen lässt sich einiges einwenden. Denn zum Tango gehört ja nicht nur die Musik, die wir Tanzenden versuchen, in Bewegung zu übersetzen, Es gehört die Atmosphäre unserer Milongas dazu, der Orte unseres Tanzes, Und nicht zuletzt die Geschichte des Tango, die wir Europäer ohnehin nur annähernd in der Lage sind, uns zu erschließen.
Und dennoch: Im Zentrum unserer unserer Annäherung an den Tango befindet sich die Bewegung. Sie im statischen Medium der Malerei zu erfassen – damit haben auch namhafte Künstler sich schwer getan. Davon zeugen etwa die Bilder Emil Noldes aus dem Berliner Nachtleben.
Christine Bülow beschränkt sich in ihren Bildern auf das tanzende Paar. Kein Drumherum. Wenn ihre Figuren sich auf dem Papier zu bewegen scheinen, liegt das nicht zuletzt an ihrer Art, sie aufzutragen. Sie sind im Wortsinn: Hingetuscht. Sie tanzt mit dem Pinsel über das Papier. So entstehen die Tusche-Bilder fast in einem Zug. Dazu bedarf es tiefer Entspannung, damit das Handgelenk locker wird und für kurze Zeit bleibt. Viele Bilder am Stück schafft sie nicht. Dann muss sie sich wieder entspannen.
Macht nichts. Uns reichen diese zwei…
Wer mehr über Christine Bülow wissen will, findet hier ihre Website: https://christine-b.com.
„Rossini“ heißt ein berühmter Film von Helmut Dietl, über „die mörderische Frage, wer mit wem schlief“. Die Älteren werden sich erinnern. Im Krankenhaus lautet die wichtigste Frage: „Hatten Sie gestern…?“ Ich habe sie brav beantwortet. Fast zwei Wochen lang. Morgen für Morgen.
Aber ich war nicht wegen meiner Verdauung in der Park-Klinik. Mit vereinten Kräften haben meine Liebste und die Neurologin meines Vertrauens es geschafft, dass ich mich einer „Parkinson Komplex Behandlung“ unterzogen habe – bei SpezialistInnen in Weißensee, tief im Berliner Osten.
Westlichen TV-Zuschauern dürfte Weißensee als Ort und Namensgeber einer Serie über Menschen aus der Nomenklatura der DDR bekannt sein.Ich war dort vor Jahren in einem zauberhaften kleinen Freiluft-Theater, wo Helge Schneider auftrat. Für den genialen Komiker schwärmt meine Ex-Freundin Evi bis heute.
Aber zur Sache: Ich habe die Entscheidung für die Klinik nicht bereut. Es hat sich etwas getan mit meiner Krankheit. Meine wichtigsten wahrnehmbaren Symptome sind weniger geworden. Ich mache größere Schritte. Ich bewege mich schneller als zuvor.
Meine Variante dieses weiten Feldes heißt „vaskulär“. Sie betrifft weniger als zehn Prozent der Parkinson-Patienten. Wer medizinisch noch genaueres über das Syndrom wissen möchte, kann sich im Internet informieren.
Für diese Diagnose wurde mir unter anderem ein wenig Hirnwasser abgezapft. Viele Patienten bekommen nach dieser Behandlung mit dem Namen „Lumbalpunktion“ rasende Kopfschmerzen. Ich bin davon verschont geblieben. Zum Glück war es viel weniger schlimm als ich befürchtet hatte. Unangenehm war dagegen die Stimulation meiner Unterschenkel und Füße mit elektrischen Impulsen, um die Wahrnehmungsfähigkeit meiner Nerven zu testen.
Beruhigend an meinem Befund ist nicht zuletzt: Ich muss keinen so schnellen und umfassenden körperlichen und geistigen Verfall fürchten wie Patienten mit anderen Parkinson-Varianten. Der persönliche Vergleich mit anderen in der Klinik hat mir vorgeführt, wie viel schlechter es mir gehen könnte.
Damit mein Optimismus mich nicht trügt, muss ich allerdings etwas tun – und anderes leider lassen. Das beginnt bei der Einnahme meines wichtigsten Medikamentes: Dopamin. Es muss mindestens eine halbe Stunde vor oder frühestens eineinhalb Stunden nach den Mahlzeiten eingenommen werden. Der Zeitpunkt ist keineswegs trivial. Denn es gilt, in Anlehnung an den Titel eines Films, diesmal von Rainer Werner Fassbinder: Eiweiß essen Dopa auf!
Wichtig ist darüber hinaus: Bewegung. Zum Beispiel Laufen respektive Gehen. Täglich eine halbe Stunde. Mindestens. Ich werde auch dafür sorgen, dass mein Ergometer nicht wieder einstaubt. Das heißt: Abends vor dem Fernsehgerät wird – wenn es irgend geht – gestrampelt. Dass Tanzen Körper und Geist gut tut, ist immer wieder nachzulesen. Nun macht Tango mir also nicht nur Spaß. Er ist auch ärztlich empfohlen.
Weitgehend Abstand nehmen muss ich dagegen vom Alkohol. Tschüß Rotwein! Adieu Weißer! Bier mag ich nicht. Schnaps trinke ich seit Jahren nicht mehr. Ein Gläschen zu Geburts- und anderen Festtagen werde ich mir jedoch gestatten. Ansonsten gibt´s: Frischen Fruchtsaft, Wasser mit einem Spritzer Zitrone, etwas Minze oder anderen Kräutern. Meinen Kaffee am Morgen werde ich in Zukunft noch mehr genießen als bisher.
Ich bedanke mich bei allen, mit denen ich in der Park-Klinik zu tun hatte, für die freundliche und – so weit ich das als medizinischer Laie beurteilen kann – kompetente Behandlung. Auf keinen Fall vergessen will ich eine überaus wichtige nichtmedizinische Institution – das Café des Hauses. Hier habe ich täglich einen ausgezeichneten Americano genossen, ab und an etwas Süßes und nicht zuletzt täglich eine aktuelle Zeitung bekommen.
PS: Sicher wird an der Klinik nicht so bald ein Schild angebracht werden: Hier lebte von… bis… Ein Besuch in dem lauschigen Berliner Stadtteil lohnt sich dennoch – schon weil hier der größte noch genutzte jüdische Friedhof Berlins liegt mit den Gräbern zahlreicher Prominenter vom Maler Lesser Ury bis zum Verleger Rudolf Mosse. Wie durch ein Wunder hat er die Nazi-Zeit fast unbeschadet überstanden. Hier ist auch Margot Friedländer bestattet. Die KZ-Überlebende und unermüdliche Aufklärerin ist mit 103 Jahren vor kurzem gestorben.
Wer vom Gang über das riesige Friedhofs-Areal Hunger bekommen haben sollte, dem kann ich übrigens das beste asiatische Lokal empfehlen, in dem ich bisher in Berlin gegessen habe. Es heißt „ChiMi“ und bietet eine ebenso originelle wie stimmige Fusion der Küchen unterschiedlicher Länder.
Dies war der letzte Text über meine Krankheit. Der Vollständigkeit halber hier noch der Link zu meinem ersten:
Unter den Bildern, die mich umgeben, befinden sich nur wenige Originale. Eins davon hängt in unserem Wohn-Essraum. Es zeigt die aufgeschnittenen Hälften einer saftig roten Tomate, so lebensecht, dass man hinein beißen möchte. Dazwischen liegt das Messer, das sie geteilt hat. Gemalt hat es Jürgen Kühne, ein Freund, mit dem mich nicht zuletzt die Leidenschaft fürs Tango Tanzen verbindet. Dies Bild ist auch deshalb etwas besonderes, weil er es mir geschenkt hat.
Jürgens Profession ist die Metallkunde. Weit weg von der Malerei? Ein Vorurteil, findet er. „Wer noch niemals durch ein Mikroskop die innere Struktur eines Metalls betrachten konnte, ahnt nicht, welche unfassbare Schönheit und Vielfalt die Natur auch im Kleinsten kreiert hat“, schreibt er in „Vielfalt in Acryl“. Unter diesem Titel fasst er auf 80 reich bebilderten Din-A-4-Seiten seinen künstlerischen Werdegang und seine Philosophie zusammen. Ich komm übrigens auch drin vor. Für ihn sei es „ein konsequenter Schritt“ gewesen, betonte Jürgen Kühne, sein „ästhetisches Empfinden auch in der Kunst umzusetzen“.
Auf ein wiederkehrendes Themas mag er sich nicht festlegen. Mit neugierigen Augen durch die Welt gehend findet er seine Motive: Von der weiten Landschaft Nordostdeutschlands, wo er herkommt, über die Straßen und Häuser Berlins, wo er heute lebt, bis zu den schummerigen Innenräumen, wo sein anderes großes Hobby, oder besser seine Leidenschaft stattfindet: Der Tango.
Stilistisch ist er vom Impressionismus inspiriert. Aber er experimentiert auch mit Abstraktionen und düsteren surrealistischen Phantasmagorien. Für seine Bilder nutzt Jürgen meist wasserlösliche Acryl-Farben und handelsübliche Keilrahmen bis zu einem Meter Breite. Genaueres ist seiner ausführlichen Selbstauskunft „Vielfalt in Acryl“ zu entnehmen.
Beim Malen denkt er oft schon daran, wo ein Bild hängen könnte. Zum Beispiel seine meist kleinformatigen Küchen-Stillleben. Umso mehr bedauert er, dass es in modernen Küchen kaum noch Möglichkeiten gibt, um sie mit derlei Bildern zu verschönern. Meine Frau und ich haben in unserer nicht eben großen Wohnung einen prominenten Platz gefunden, wie er passender kaum sein könnte: Neben der Tür des Zimmers, in dem sich das meiste unsere Lebens abspielt – links ein großes Bücherregal mit vielen Kunst-Bildbänden, rechts die offene Küche. Dazwischen Jürgens leuchtend roter Blickfang.
Wer sich für Jürgen Kühnes Kunst interessiert, kann den Bildband für 20 Euro bei ihm beziehen. Im Internet ist er zu finden unter:
Angefangen hat es in Dresden. Dort hat meine einst Angebetete gelebt und studiert. Daher wusste Evi um die Existenz des „Ballhaus Watzke“. Dort finden bis heute Tanzveranstaltungen statt. Zur Tradition gehören Bälle. Mit Orchester, Gesellschaftskleidung und allem Pipapo. Ob ich denn Lust hätte… Verliebt und experimentierfreudig sagte ich: Selbstverständlich! Tanzschuhe besaß ich nicht. Aber einen Smoking nannte ich mein eigen. Der war nötig für den Besuch des Bundespresseballs. Also meldeten wir uns an für den „Herbstball“ im „Watzke“. 2003 war das.
So saß ich, gestiefelt und gespornt an der Seite der Meinen, unweit der Tanzfläche – und wurde immer kleiner. Mein Mut schien wie weg geblasen. Warum hatte ich mich bloß darauf eingelassen? Nach der ersten Pause der Band wagte ich mich dann doch aufs Parkett. Zögernd erst, aber stetig stellte sich die Erinnerung an die wichtigsten Schritte ein, die ich als braver Gymnasiast in der Tanzschule Helfer zu Moers am Niederrhein gelernt hatte. Mit der Zeit fand ich Spaß an der Sache und irgendwann entfuhr mir der entscheidende Satz: „Eigentlich könnte man mal einen Tanzkurs machen…“ Blieb nur die Frage: Wo?
Klar war zunächst nur, wo nicht. Seinerzeit existierten in Berlin noch zwei konkurrierende Stadt-Magazine. Zur Herbstsaison warben die örtlichen Tanzschulen für ihre Kurse. Die Anzeigen wurden reichlich mit redaktionellen Beiträgen umrahmt. Da gab es unter anderem ein Interview mit Monika Keller. Die großen alte Dame des Standard- und Latein-Tanzes in Berlin beklagte, dass auf dem Parkett immer so viele Fehler gemacht würden. Das war nicht mein Verständnis vom Freizeitspaß.
Zum Glück gab es Alternativen – Tanzschulen, in der Regel aus der Schwulenbewegung entstanden, denn Homosexuelle beiderlei Geschlechts konnten seinerzeit nicht in den „normalen“ Schulen tanzen. Die neuen hießen programmatisch „Walzer links gestrickt“, „Taktlos“ oder eben „Bebop – die andere Tanzschule“. Ich wohnte in der Berliner Obentraut-Straße, nicht weit vom Mehringdamm, wo das „Bebop“ zwei prächtige goldgeschmückte Etagen bespielte. Gelegentlich dienten sie als Filmkulissen. Da fand sogar ein Mord statt. Geführt wurde das Ganze von einem Männerpaar, das sich irgendwann trennte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Thomas und Christoph, so hießen die beiden, hatten eine eigene Lehrmethode entwickelt. Sie beschränkte sich nicht auf die Einübung vorgegebener Schrittmuster. Vielmehr waren sie vom Argentinischen Tango beeinflusst und hatte zwei Grundsätze:
Man kann alles auf alles tanzen.
Und: Jeder Schritt muss führbar sein.
Davon profitiere ich bis heute.
Die Chose hatte jedoch einen Nachteil: Anders als in anderen Schulen, die sich auf die zehn Tänze des Welt-Tanzprogramms beschränkten, nahm in unserem Curriculum der Tango Argentino einen großen Raum ein. Unserer Meinung nach: zu groß. Denn etliche Paare, die etwa zur selben Zeit angefangen hatten wie wir, verfügten über ein größeres Figuren-Repertoire in den Ballroom-Tänzen. Also wechselten wir. Die Schule. Die Liebe zum Tango entwickelten wir erst später. Zunächst störte er.
Aber wir waren vom „Bebop“ infiziert. Daher waren wir gewöhnt, im Unterricht die Partner zu wechseln. So hatten wir die Erfahrung gemacht, dass sich ein Knoten, in den man mit dem eigenen Partner/der eigenen Partnerin verstrickt hatte, in anderen Armen leichter zu lösen ist. Also machten wir unserem neuen Tanzlehrer den Vorschlag, zu wechseln. Er schaute skeptisch und sagte: „Ich kann ja mal fragen…“ Er kannte seine SchülerInnen: Die Idee fand bei den anderen Paaren unseres Kurses keinen Beifall.
Na gut, wir haben weiter gemacht. Außer den Kursen Workshops anderswo besucht, unter anderem einen Spezialkurs im „Slowfox“, der als die Krone des Ballroom-Dancing gilt. Vor allem aber sind wir Tanzen gegangen – nicht um uns im Wettbewerb mit anderen Paaren zu messen, sondern zu unserem freien Vergnügen.
Schon früh habe ich damals meine Liebe zur Live-Musik entdeckt. So sind wir kreuz und quer durch den Großraum Berlin und angrenzende brandenburgische Gefilde gekommen. Ohne Auto, meist mit Bus und Bahn, manchmal auch mit dem Schiff. Da gab´s im tiefen Westen im „Labsaal“ von „Alt Lübars“ einen regelmäßigen Tanztee, zu dem eine kleine Band aufspielte, die Rhythmusgruppe des damals angesagten „Damenorchesters Salome“. Aber auch ins „Braustübl“ fuhren wir, im südöstlichen Friedrichshagen. Dort spielte das „Dephi-Tanzorchester“ in verschiedenen Besetzungen um die Sängerin Susann Hülsmann.
Eine der angesagtesten Tanztruppen hieß damals „Jerry Jenkins und his Band of Angels“. Der Sänger gab den Rhythmus auf einer vor den Bauch geschnallten Snaredrum vor. Das waren stimmungsvolle Auftritte unter anderem in der ehemaligen Professoren-Mensa der Humboldt-Universität. Grandios: Die Rock’n Roll Abende im Charlottenburger „Cafe Keese“. Einmal im Monat hotteten ältere Paare zur Musik ihrer Jugend, dass wir als damals Jüngere nur neidisch werden konnten.
Außerdem veranstaltete die Tanzschule „Maxixe“ alle Jahre wieder „Ballhaus-Touren“, die uns nach Dresden, Prag und Wien führten. Diese Reisen verbanden Sightseeing mit Unterricht und abends freiem Tanzen mit einem Ball als Höhepunkt.
Aber wer süchtig nach Tanzen ist, fängt schon morgens an. So sind wir eines Wochenendes beim „Walzerfrühstück“ einer Berliner Tanzschule gelandet. Die Musik kam vom Band. „Spotify“ gab´s noch nicht. Und vor jedem neuen Stück teilte eine sonore Stimme mit, welcher Tanz jeweils dran war. So hielt es auch der DJ, als wir eines nachmittags einen Tanztee der Firma Keller besuchten. Was für ein Kontrast zu unserem „Bebop“, wo wir die meisten Freitag Abende verbrachten. Da konnte es vorkommen, dass Christoph grinsend hinter dem DJ-Pult stand und sich freute, wenn auch seine erfahrensten Paare erst einmal rätselten, welchen Tanz sie zu einem bestimmen Musikstück tanzen sollten.
Die Leidenschaft fürs Tanzen hat auch unsere Leidenschaft für einander überdauert. Als Paar sind wir längst getrennt. Aber wir tanzen immer noch hin und wieder gern mit einander. Als Single habe ich so manchen Sonntag Nachmittag im damals noch nicht renovierten „Clärchens Ballhaus“ verbracht. Dort gingen auch viele Frauen hin, deren Männer es nicht so mit dem Tanzen hatten.
Einen neuen festen Partner, eine neue Partnerin, der/die nicht tanzt, können Evi und ich uns kaum vorstellen – obwohl wir beide glückliche Paare kennen, von denen es nur eine Hälfte auf´s Parkett zieht. Voraussetzung dafür ist allerdings die Abwesenheit von Eifersucht. Doch das ist wieder ein anderes Thema…
Im zweiten Teil dieses Rückblicks auf mein Tanzleben wird es um den Tango gehen.
Ein Druck des Bildes „Großstadt“ von Otto Dix, das auf diesem Museumsrundgang zu sehen ist, hängt seit Jahren bei mir zu Hause. Immer wenn ich darauf schaue, muss ich an die FDP denken. Das Original des Triptychons, das der Künstler Ende der 1920er Jahre in Dresden auf Holz gemalt hat, hängt im Stuttgarter Kunstmuseum. Während meiner Berufstätigkeit habe ich das Jahr mit Terminen im Süden und Südwesten des Landes begonnen. Zum einen führte mich die Reise nach Bayern. In Wildbad Kreuth habe ich die traditionelle Klausurtagung der CSU besucht. Aber das ist eine andere Geschichte.
In die baden-württembergische Landeshauptstadt hat mich das nicht minder traditionelle Drei-Königs-Treffen der FDP geführt. In meinen aktiven Jahren blieb Journalisten am Rande ihrer Arbeit gelegentlich noch Muße für private Unternehmungen. Bei einer davon habe ich das Bild von Otto Dix entdeckt und den Druck erworben. Weil ich fasziniert von der gestalterischen Wucht seiner gesellschaftskritischen Darstellung war, habe ich das Original, so oft es ging, am Rande meiner Visiten in Stuttgart besucht.
Das knapp 2 x 4 Meter große Gemälde zeigt exemplarisch das glamouröse Nachtleben einer Großstadt samt ihren Schattenseiten: Es vereint Kriegsfolgen, Armut und Luxus. Damit bleibt es aktuell bis in unsere Tage. Als ich es zum ersten Mal sah, fand ich, dass es auch gut zu einer Redewendung des langjährigen FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle passte, der den jungen Landespolitiker Christian Linder in Stuttgart als seine große Entdeckung für die Bundespolitik präsentierte.
Mit einer wiederum legendären Formulierung hatte Westerwelle der alten Bundesrepublik einst „spätrömische Dekadenz“ attestiert. Die öffentliche Aufregung war damals nicht geringer als aktuell über die Forderung seines heutigen Nachfolgers Christan Linder, der für die deutsche Politik von heute den argentinischen Despoten Javier Milei und Elon Musk propagierte, den Milliarden schwerem Intimus von Donald Trump. Der Unterschied zwischen den beiden: Westerwelle hat um Entschuldigung für seine rhetorische Entgleisung gebeten. Lindner dagegen rechtfertigt die seine ebenso ausführlich wie hartnäckig.
Was Westerwelle vom jüngsten Vorgehen seines lange Zeit gelehrigen Schülers gehalten hätte, werden wir nie erfahren. Er ist 2016 mit 54 Jahren nach langem Kampf mit einer Erkrankung an Leukämie gestorben.
Anstelle einer Rezension ihrer Erinnerungen hat der HERR MIT HUT sich seiner eigenen Erinnerungen erinnert:
Berlin, 14.02.11: Interview mit der Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel im Kanzleramt. Das Interview führten Harmut Augustin, Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung und Thomas Kröter von der Redaktionsgemeinschaft der MDS. Foto: Hans Richard Edinger.
Jasper Johns hat dies Bild 1961 gemalt. An der Karte der Vereinigten Staaten von Amerika wird sich so schnell nichts ändern – auch nicht, nachdem Donald Trump mit überraschend klarer Mehrheit zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt worden ist. Nr. 47 seit 1789. Ändern wird sich auch nichts am Rang dieses Kunstwerks. Ein Riesenformat. Zwei Meter hoch, drei Meter breit. Gemalt in kräftigen bunten Farben mit kräftigen Pinselstrichen.
Ich bin fasziniert davon, seit ich es zum ersten Mal im Original gesehen habe. 1978 gab es im Kölner Museum Ludwig eine große Werkschau. Der Künstler hat auch viel mit Flaggen experimentiert. Ein paar Jahre vor dieser Landkarte ist eine weiße Fahne entstanden. Hoch aktuell, in diesen Tagen. Aber ich verkneife mir jeden politischen Kommentar.
Die Stadt Köln hat dem Ehepaar Peter und Irene Ludwig eine der bedeutendsten Sammlungen von Kunst des 20. Jahrhunderts weltweit zu verdanken. Eine Art deutsches Museum of Modern Arts gleich neben dem Dom, dem historischen Wahrzeichen der Stadt. Ich bin oft dort gewesen, auch als ich längst fortgezogen war. Hier und in anderen Museen hab ich mir stets gern Poster zur Erinnerung gekauft. Als ich mit meiner Liebsten noch eine Wohnung mit einem fast 20 Meter langen Flur bewohnte, war auch genug Platz für die Plakate. Und für meine Bücherregale. Aber das ist eine andere Geschichte, über die ich in meinem Text „Bücher sind Müll. Oder?“ in diesem Blog geschrieben habe.
Bei der Erinnerung an Jasper Johns wollte ich ausnahmsweise einmal sparsam sein. Ich bin als politischer Korrespondent erst in Bonn, dann in Berlin alle Jahre wieder in New York gewesen – zur Eröffnung der UN-Vollversammlung. Und in den USA waren die Poster erheblich billiger als daheim. Also hab ich bei der nächsten Visite einen Abstecher ins Moma gemacht und ein Jasper-Johns-Plakat erworben.
Zunächst war ich verwundert über die Größe der Rolle. Aber dann dachte ich: Ok, hier werden die Plakate eben anders gerollt. Denkste. Zuhause musste ich feststellen, auch das Poster war von riesiger Dimension. War nix mit Sparen. Denn das Teil zu Rahmen und mit Firniss gegen das Vergilben zu schützen kostete knapp einen Tausender. Aber daran denke ich nicht, wenn ich morgens aufwache und auf die Karte der USA in der Version von Jasper Johns neben unserem Bett schaue. Meine Freude daran vermag auch der aktuelle Präsident nichts zu ändern.
Es gibt Sätze, die man nicht so leicht vergisst. Diesen zum Beispiel: „Bücher sind Müll!“ Er ist mir vor einiger Zeit wieder eingefallen, als ich in meinem alten Berliner Kiez herum gestromert bin. „50 Prozent“ und „Wir schließen“ stand da in dicken Lettern auf die Schaufenster der „Bücherhalle“ geklebt. Das war einmal ein riesiges Modernes Antiquariat mit tausenden von Büchern aller größen und Genres.
Als ich noch „umme Ecke“ gewohnt und zur arbeitenden Bevölkerung gezählt habe, bin ich dort regelmäßig auf meinem Weg zur U-Bahn vorbei gekommen. Die Auslagen waren wohl sortiert und wurden immer wieder aktualisiert – wie in einem Geschäft für neue Bücher.
Deshalb habe ich eines Tages hoffungsvoll vor dem Besitzer gestanden. Ich dachte, sein modernes Antiquariat sei der beste Ort, um bei der zwangsweisen Verkleinerung meiner heimischen Bibliothek durch Umzug in eine erheblich kleinere Wohnung wenigstens noch ein paar Euro zu erlösen. Denn bei den einschlägigen Internetportalen gibt’s nach beträchtlichem bürokratischem Aufwand nur ein paar Cent pro Band. Doch der gute Mann enttäuschte mich mit der ernüchternden Lehre: „Bücher sind Müll!“
Einen großen Teil meiner recht stattlichen Bibliothek habe ich dann verschenkt. Schräg gegenüber meiner früheren Wohnung gibt’s bis heute, was ich damals „Sozialbibliothek“ genannt habe. Da kann man seine Bücher in unbegrenzter Zahl hinbringen und pro Tag bis zu drei mitnehmen.
Da war immer etwas los. Das gilt auch für die Telefonzellen, die im Zeitalter des Smartphones ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt sind. Stattdessen kann man hier zensurfrei Bücher hineinstellen oder sie entnehmen. Neulich begegnete ich abends einem jungen Mann, der fast tanzte – so glücklich war er über einen Fund.
Ums in der Begrifflichkeit meiner studentischen Spätjugend zu formulieren: Die Bücher sind hier ihres Warencharakters beraubt. Sie sind keineswegs Müll. Sie haben bloß keinen Tauschwert mehr, der sich monetarisieren ließe. Aus der Sicht des Händlers sind sie daher „Müll“. Einen guten Teil seines Umsatzes hatte er übrigens mit „jungen“ alten Büchern erzielt. Ältere waren stets schwer zu verkaufen. Daher sein resignativer Befund.
Aber die jungen…
Professionelle Rezensenten, die ungefragt zugeschickte Bücher nicht mochten, konnten hier in der Tat einen Erlös erzielen. Und die Kundschaft der Bücherhalle bekam Fast-Neu-Erscheinungen zum halben Preis, sofern die Ware nicht älter war als höchstens ein halbes Jahr. Am besten nur ein viertel. Ab und an hab auch ich hier gekauft.
Ein erheblicher Teil meiner inzwischen reduzierten Bibliothek stammt aus meiner Zeit als Redakteur für die Seite „Das Politische Buch“ beim „Kölner Stadt-Anzeiger“. Damals hab ich fast alle unverlangt zugesandten Bücher noch behalten, auch wenn sie mich nicht interessierten. Aber es war einfach zu schön, wenn Besuch neu in unsere Wohnung kam und mit Blick auf meine Bücherregale ehrfurchtsvoll fragte: „Hast Du die alle gelesen?“ Ich pflegte dann mit lässigem Stolz zu anworten: „Nicht alle. . .“
Heute frage ich mich manchmal, ob ich mich nicht noch von ein paar Exemplaren mehr hätte trennen sollen. Aber Bücher sind halt nicht nur Bildungsgüter und soziale Distinktionsmerkmale, sondern auch Erinnerungsstücke.
Meine zehnbändige Ausgabe der Werke von Heinrich Heine etwa, herausgegegeben in der DDR, hab ich von einer Reise in die damals noch existierende Sowjetunion mitgebracht. Sie stammen aus der deutschsprachigen Buchhandlung in Taschkent. Ich hab ganz schön dran geschleppt. Aber der Preis war halt zu verführerisch.
Was hab ich sonst noch aufbewahrt? Die Gesamtausgabe der Werke von Bertolt Brecht. Na klar. Uta, meine erste Frau und ich besaßen sie zwei Mal – in der grauen Suhrkamp-Version und in der DDR-Ausgabe, die in rotes Leinen gebunden war. Ich behielt die graue. Die Rote war nicht ganz vollständig.
Komplett ist auch die Ausgabe der legendären Zeitschrft „Die Weltbühne“, die lange von Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky redigiert wurde. Nicht weit von einem ihrer Redaktionssitze habe ich einmal gewohnt.
Behalten hab ich obendrein meine Bände der Bibliothek Deutscher Klassiker. Sie wurde im Auftrag des DDR-Kulturministeriums von 1954 an herausgegeben und erschien bis kurz nach der deutschen Einheit in mehr als sieben Millionen Bänden – 74 meist mehrbändige Werkausgaben von Texten, deren Original zwischen 1488 und 1926 erschienen ist. Alls Bände sorgfältig in Leinen gebunden.
Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer, anfangs an der Bearbeitung beteiligt, bilanzierte 1991, lange nach seiner Flucht in den Westen, die Edition sei „sensationell gewesen“: „In allen germanistischen Seminaren der Bundesrepublik hat man sich der Weimarer Ausgaben bedient“.
Zu den Werk- oder Gesamtausgaben in meinem Bestand gehören auch Klassiker dessen, was wir gewöhnlich als Trivialliteratur bezeichnen, also die Kriminalromans von Raymond Chandler, Dashil Hammet und Co. – unverkennbar in den schwarz-gelben Ausgaben des Diogenes-Verlages.
Zu den Klassikern zählt für mich auch die Reihe über das 87. Polizeirevier von Ed McBain, der auch unter anderen Pseudonymen veröffentlicht hat. Sie spielen in einer ungenannten Stadt, die aber unschwer als New York zu erkennen ist. Polizeiromane, wie es sie heut nicht mehr gibt. Ich besitze sie leider nicht alle in der gelben Taschenbuchausgabe von Ullstein. Aber inzwischen ist meine Sammlung auch aus anderen Verlagen komplett – eine „Commedia Humana“ in Form von Kriminalromanen.
Der irische hardboiled Autor Ken Bruen, auf den ich jüngst gestoßen bin, schildert einen seiner Protagonisten als Fan des 87. Polizeireviers. Seinen Hund hat er nach einem Polizisten des Reviers genannt: Meyer. Dass der Tausendsassa McBain auch das Drehbuch von Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ vefasste, hab ich erst bei der Lektüre für den vorliegenden Text erfahren.
Gehaltvoll, aber schmal, deshalb gut vewahrbar selbt in einer kleinen Wohnung sind die Bände der rororo Bildmonographien, lange Zeit verfasst von renomierten Autoren wie Sebastian Haffner. Überhaupt hab ich vor allem Historische Biografien aufgehoben. Dazu ein paar wenige Darstellungen der Geschichte der Bundesrepublik – etwa von Ralf Dahrendorf und Alfred Grosser. Oder, ebenfalls ein Klassiker, Arnulf Barings Der 17. Juni 1953 oder die Bücher von Günter Gaus. Von ihm schau ich mir ab und zu auch eine seiner legendären Interviewsendungen an, die es zum Glück auf Youtube gibt. Aber das ist eine andere Geschichte…
Halbwegs gut bestückt sind auch meine drei Regalbretter zur Geschichte der populären Musik. Davon konnte ich im Text „Auf den Flügeln des(Protest)gesangs“ für meinen Blog www.kroesflanaden.de zehren. Hier kommt aktuell immer wieder ein wenig Tango hinzu. Denn die Bücher von Michael Lavocah über die Granden des Tango Argentino gibt es nur auf Papier. Ich hab sie als Tangoblogger weidlich ausgeschlachtet. www.kroestango.de ist aktuell nicht mehr erreichbar. Aber ich habe mir vorgenommen, einige Stücke wieder zugänglich zu machen, an denen mir besonders liegt. Das sind keineswegs jene, die seinerzeit die meisten Klicks erzielt haben.
Ansonsten kauf ich höchstens noch (und das eher selten) Kunstbildbände und Kataloge von Ausstellungen, die ich besucht habe. Soviel zu jenem Teil des „Mülls“, von dem ich mich nicht zu trennen vermag. Im übrigen hab ich mich auf e-books verlegt. Die nehmen nicht nur keinen Platz weg. Ich kann ihre Schriftgröße auch passend für meine schwächer gewordenen Augen einstellen.
Wo der ganze „Müll“ des Antiquars mit dem herben Humor gelandet ist? Ich weiß es nicht. Seine ehemaligen Räume stehen seit geraumer Zeit leer – wie so viele Ladenlokale in Berlin.
Nein, diese drei Bilder habe ich nicht selbst fotografiert oder gemalt. Ich habe sie nur über einander gehängt. Seit wann ich sie besitze? Keine Ahnung. Anders als der frühere BILDchef Kai Diekmann hab ich keine Assistentin, die mir für meine Erinnerungen eine Chronologie zusammenstellen kann. Ich neige nicht zu tagebuchähnlichen Aufzeichnungen. Und mein Gedächtnis wird auch nicht besser.
Das untere Bild stammt von Barbara Klemm, der großen alten Dame unter den (west)deutschen Fotografen. Es muss in den letzten Jahren der Kanzlerschaft von Helmut Kohl entstanden sein. Jedenfalls verfügte die Frankurter Allgemeine, für die Klemm arbeitete, damals noch über eine wöchtlich erscheinende Kupfertiefdruckbeilage mit hervoragenen großen Schwarz-Weiß-Fotos.
Ich fand (und finde) es faszinierend, wie Helmut Kohl da versonnen auf Plastiken führender Perönlichkeiten des deutschen Sozialsmus/Kommunismus schaut – von Walter Ulbricht bis Rosa Luxemburg. Es handelt sich offenbar um eine Austellung zur deutschen Einheit, die es ohne ihn wohl nicht so schnell gegeben hätte. Was ihm da durch den Kopf ging, können wir nur ahnen. Am linken Bildrand ist noch der Beginn des Slogans zu sehen: „Wir sind das Volk“.
Gibt es bei Fotos Originale? Spezielle Abzüge für Ausstellungen können jedenfalls sehr teuer sein. Ich hab damals Barbara Klemm angeschrieben und gefragt, ob sie ihre Bilder auch privat vekaufe und was eins koste. Eigentlich nicht, antwortete sie, aber weil ich so nett fragte… Ich solle doch ihrer Laborantin 30 (oder waren es 50?) Mark überweisen. Seither besitze ich also ein echtes Klemm.
Vom oberen Bild weiß ich die Quelle nicht mehr. Ich hab es aus der Zeitung ausgeschnitten. Nofrete war die Hauptgemalin des Pharao Echnaton und lebte im 14. Jahrhundert vor Beginn unserer Zeitrechnung. Ihre rätselhafte Schönheit fasziniert seit Generatioen. Die Geschichte ihres Abbilds ist eine eigene Geschichte, deren Beschreibung ganze Bibiotheken füllt. Auch hier können wir nur spekulieren, was der Betrachterin durch den Kopf geht. Sie dürfte sich zum Zeitpunkt der Aufnahme gerade im Zenit ihrer Macht befunden haben.
Zwei deutsche Regierungschefs, die man wegen der Länge ihrer Amtszeit schon zu Lebzeiten die „ewigen“ genannt hat, im Angesicht der Geschichte – mich hat diese Kombination gereizt.
Das dritte Bild hat mit den beiden anderen so gar nichts zu tum. Auf den ersten Blick jedenfalls. Auf den zweiten wird es etwas komplizierter – nicht bloß, weil es zu einer Kampagne gehört, die so etwas wie eine Revolution in der Bier-Werbung auslöste. Bis dahin wurden meist schwere Brauerpferde gezeigt, die das Gesöff in die Kneipen brachten. Und ähnliche Gemütlichkeiten, die man für volkstümlich hielt. Von nun an wurde es originell.
Bei dem Bild handelt es sich um Dummy. Einen Entwurf, an dem der damalige Freund und spätere Ehemann eine Volontärin beteiligt war, die ich beim Kölner Stadt-Anzeiger betreut habe. Sie hatte sich in Köln beworben, wurde dann aber zur Mitteldeutschen Zeitung geschickt, die damals zum selben Verlag gehörte. Wir haben uns nach ihrem Umzug regelmäßig getroffen. Sie hat mir von ihrem Problem erzählt als Untermieterin einer älteren Dame, vor allem aber als Westdeutsche im damals noch ziemlich frisch angeschlossenen Osten.
Irgendwann hab ich dann den Ruf des Tagespiegel nach Bonn bekommen, der mich schließlich nach Berlin führte. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls hat sie mir zum Abschied dies Bild geschenkt mit dem wunderschön frisch gezapften Kölsch. Im Lauf der Zeit sind die Farben etwas veblasst und mit ihnen meine Sehnsucht nach dem Rheinland. Ich trinke auch längst kein Bier mehr. Aber bei meinen seltenen Visiten in Köln und wenn ich nach dem Besuch des Deutschen Theaters oder des Berliner Ensembles in der „Ständigen Vertretung“ einkehre, jener rheinischen Nostalgie-Kneipe am Schiffbauer Damm – dann muss es immer ein Kölsch sein. Als Apritif. Und zur Erinnerung.
Lange nicht mehr über Tango geschrieben. Ich hatte mir vorgenommen, die vorige Ausgabe der TANGODANZA lobend zu besprechen. Rund um einen Artikel des Münchener DJ Olli Eyding mit dem Titel „TangoYoung… und andere Initiativen gegen die Überalterung der Tangoszene“ (TD 3/24) hatte sie eine Reihe themenverwandter Texte gruppiert. Prima Schwerpunktbildung für ein zentrales Thema unserer Szene, fand ich. Dass Autor und Redaktion damit einen Sturm der Entrüstung entfachten, damit hatte wohl keiner der Beteiligten gerechnet. An der Spitze stürmte die bekannte Berliner Tango-Autorin Lea Martin. Aber davon später. . .
Meine Aufmerksamkeit wurde erst einmal von einem anderen Thema absorbiert. Auf der Suche nach Lesestoff war ich auf einen Krimi mit dem Titel „Waldeck“ gestoßen. So heißt eine Burgruine im Hunsrück. Dort fand von 1962 an das „Festival Chanson und Folklore international“ statt. Da ging es um Musik und Lieder von Franz Joseph Degenhardt, Hannes Wader und anderen, die mich lange vor dem Tango in ihren Bann geschlagen hatten. Ich versank für eine Weile in dieser Welt. Resultat war ein Artikel mit dem Titel „Auf den Flügeln des (Protest)gesangs“. Bis heute poste ich auf Facebook immer wieder Lieder aus jener Zeit. Fridolin Lützelschwab (Künstlername „El tigre Viejo“) einer meiner Lieblings DJs, legt in seinen Mixed Milongas ab und zu einen Walzer von Franz Joseph Degenhardt auf: „Die jungen Paare auf den Bänken“, seine deutsche Fassung des Chansons „Les amoureux des bancs publics“ von Georges Brassens. Womit wir bei meinem neuen Thema wären.
Für mich stammt der wichtigste Text in der neuen Tangodanza von Stefan Sagrowske: „Klassik, Neo oder Non? oder Die traditionellen Totengräber des Tango“ (TD 4/2024, S. 71f.) „Mich langweilen Milongas, die nur klassische Tangos bieten oder nur Neos wie Otros Aires und Quadro Nuevo. Oder nur Nons mit Rock und Pop, schreibt der Zeitungsredakteur aus Münster. „Ich möchte zu allem tanzen – und habe tatsächlich auch zu klassischen Nicht-Tango-Meisterwerken schon fantastische Tangos getanzt.“ Das versteh ich gut. Meine Liebste und ich können nicht still sitzen, wenn in unserer Lieblingsmilonga, im Tangocafe von Thomas Klahn im Berliner Bebop, „Fever“ ertönt.
Das Thema „Musik“ ist ein Dauerbrenner in unserer Szene. Gerhard Riedl, der „Last man standing“ unter den Tango-Bloggern, schreibt sich seit Jahren die Finger wund mit seiner Forderung nach Verbreiterung des Musik- Angebots und veröffentlicht immer wieder kommentierte „Piazzolla zum Tanzen“. Auch ich habe mich an diesem Thema versucht. In meinem stillgelegten Blog „mYlonga – Beobachtungen und Bemerkungen eines Tango tanzenden Flaneurs“ (kroestango.de) hab ich regelmäßig dogmatische Traditionalisten mit der Forderung nach Piazzolla in unserem Milongas genervt.
Vor etwas mehr als zehn Jahren ging die Sängerin Annette Postel mit einer Wortschöpfung „viral“, wie wir heute sagen würden. In einem „Offenen Brief“ in der TANGODANZA wetterte sie gegen die Dominanz des Klassischen Tango und forderte polemisch „Stoppt die Tango-Taliban!“ Mit ihrem „TT-Wort“ kann man Traditionalisten bis heute auf die Palme bringen. Seit einiger Zeit tritt Postel mit einem Programm auf, zu dem auch die satirische Verballhornung eines Tango-Klassikers von Homero Manzi und Lucio Demare gehört.
Stefan S. berichtet von einem Tango-Urlaub an der Nordsee. Da gab es in einem Meer von Klassik plötzlich zwei Inseln von Non-und Neotango. Zweimal volle Pista. Zweimal Applaus der TänzerInnen. Der Autor stellt klar, er und viele seiner Bekannten wollten „gar keine reine Irgendwas-Milonga. Wir würden uns über einen schönen Mix freuen, 50 Prozent Klassik, 30 Prozent Non und 20 Prozent Neo zum Beispiel“. Auch in Berlin, der angeblichen Tango-Hauptstadt Europas, ist derlei eher selten.
Wir hatten letztens Glück im Raum Göttingen. In zwei Milongas waren die Non/Neos in das Schema Tango/Vals/Milonga integriert. Bei der Aufforderung war der Cabeceo üblich, aber nicht Pflicht, verbales „Magst Du Tanzen“ von Männern wie Frauen kein Problem; ebenso die Integration ortfremder Gäste. Ob die gesellschaftliche Offenheit mit der musikalischen zu tun hatte? Gute Frage! Nächste Frage. . .
Aber so sehr ich Stefans Vorschlägen zustimme, seine Erwartung halte ich für eine Illusion – dass mit der „Verjüngung“ des Musikangebots auch dem Problem beizukommen
wäre, das die TANGODANZA in ihrer vorigen Ausgabe so vorbildlich beleuchtet hat: Die Überalterung der Tango-Gemeinde. Er habe „die 60 längst überschritten“, schreibt Stefan Sagrowske. Ich bin über 70 Jahre alt, der unermüdliche Gerhard Riedl nicht jünger. Sind wir nicht eher Teil des Problems als Teil der Lösung?
Ich weiß in Berlin von zwei Milongas mit deutlich jüngerem Publikum. In der einen gibt’s vor allem moderne Musik bis hin zum Electrotango, in der anderen ist „strictly classic“ angesagt. Bei meinen Besuchen im TANGOLOFT, der nicht nur musikalisch „buntesten“ Milonga der Stadt, hab ich kein signifikant jüngeres Publikum angetroffen. Was sagt uns das?
Er habe vor rund 30 Jahren mit dem Tango begonnen, als 25jähriger Student, berichtet der Münchener DJ und Tangoveranstalter Olli Eyding. (TD 3/24, S.14ff) „Heute kann man uns, die Generation der 50+, 60+ und 70+, in der deutschen Tangoszene nicht mehr ignorieren. Wir Boomer sind der Tango. Überall graues Haar, gereifte Menschen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen scheinen die einzigen Jungen die argentinischen Tanzlehrerpaare zu sein.“
Kaum anders ist mein Eindruck, wenn ich mich einmal im Jahr im Sommer beim Tango auf dem Berliner Breitscheidplatz vergnüge, den Judith Preuß mit ihrer Schule „Mala Junta“ organisiert.
Wegen meiner Parkinson-Erkrankung geh ich nicht mehr so oft tanzen wie früher. Aber hier sehe ich Menschen aus allen möglichen Teilen der Berliner Tangoszene – darunter kaum ein Gesicht, das ich nicht aus jenen Zeiten kenne, als ich noch zwei bis drei Mal in der Woche unterwegs war.
Ähnlich ging es mir übrigens, als Lea Martin in einer (Glückwunsch!) überfüllten Veranstaltung eine Auswahl ihrer Tango-Kolumnen vorlas: „Überall graues Haar, gereifte Menschen.“ (Olli Eyding)
Die Autorin sieht das anders: „Eine ‚Überalterung‘ festzustellen und dann auch noch was gegen sie unternehmen zu wollen, ist Ageism (Altersdiskriminierung, Th. K.)vom Feinsten“, schreibt sie in einer E-Mail an die TANNGODANZA. Sie findet es „zynisch, den Tango wie ein Produkt vermarkten zu wollen, dem eine Zielgruppe fehlt“. Nicht „wir Boomer“ seien der Tango. Vielmehr setze er sich „aus vielen einzelnen Menschen zusammen, die ihn lieben, pflegen, weitertragen.“ Der Begriff ´Überalterung` habe „in der Tangoszene nichts verloren.“
Er sei „nicht gerade ein schöner Begriff“ räumt eine weniger bekannte Leserin ein. Aber realistisch gesehen beschreibe er wohl einen Zustand, der „leider tatsächlich der Realität entspricht“, schreibt Ricarda Siebold.
Die Redaktion hebt in ihrem Editorial zur aktuellen Ausgabe hervor, sie habe keineswegs diskriminieren wollen, sondern „realistisch auf den demografischen Wandel hinweisen, der auf unseren Milongas spürbar“ sei: „Die Tangoszene altert sichtbar“ – „möglicherweise an manchen Orten mehr, an anderen weniger spürbar.“ Auf jeden Fall auch bei der Zeitschrift selbst: „Die meisten Abos werden ganz klar aus Altersgründen beendet – weil viele unserer Leserinnen und Leser schlichtweg mit dem Tanzen aufhören (müssen)“. Die verbliebene Leserschaft wird aufgefordert, ihre eigenen „Sichtweisen und Erfahrungen“ mitzuteilen. Denn vielleicht „wissen wir gar nicht genug über diejenigen, die nicht kommen, weil das, was sie auf der Milonga vorfinden, weit entfernt von ihrer Alterskohorte ist.“ Ich bin gespannt auf die Berichte in der nächsten Ausgabe.
PS: Zu meinen liebsten Rubriken in der TANGODANTA zählen die CD-Recensiones und die Hinweise auf argentinische oder deutsche Tangomusiker. Von ihnen lasse ich mich immer wieder gern zum Stöbern auf YT inspirieren – zum Beispiel durch eine Besprechung von Arnd Büssing.
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